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Über die neue Umverteilung

Archiv für das Schlagwort “Wirtschaft”

Gelesen: Atlas Shrugged von Ayn Rand


Ayns Welt in Atlas Shrugged ist beruhigend einfach strukturiert. Es wurde in den USA im Jahre 1957 veröffentlicht, ein Jahr nachdem der McCarthyismus, die politische Verfolgung von angeblichen Kommunisten in den USA offiziell beendet wurde. Dieses Kolossalwerk gilt als Paradestück des ungehemmten Kapitalismus. Viele derjenigen, die darauf vertrauen, dass es der Markt schon irgendwie richten wird, haben diesem tausendundeinseitigen Roman einen Ehrenplatz in ihrem Regal verliehen. Unter den prominenten Anhängern des laissez -faire Kapitalismus ist z. B. Allan Greenspan, ehemaliger Chef der Fed. Greenspan warb für komplette Deregulierung des Derivatemarktes, drückte den Leitzins auf lächerliches Niveau um die Folgen der geplatzten Dot-Com-Blase zu bekämpfen, mit dem Ergebnis, dass Investoren (darunter auch Ihre Kapitallebensversicherung oder Pension, lieber Leser) im verzweifelten Versuch nach Rendite ihr Glück in Produkte suchten, die sie nicht durchschauten. Auch Frank Schäffler ist ein großer Fan. Daher habe ich mich dazu aufgerafft, diese Bibel der Marktverehrer endlich auferksam zu lesen.

In Ayns Werk gibt es nur zweierlei Menschen. Auf der einen Seite gibt es die Leistungsträger: Geniale Unternehmer mit Tendenz zum Micromanagement, geniale Ingenieure oder immerhin engagierte BWLer, die ihr allerbestes geben. Sie sind physisch an ihrem festen Blick und ihrer hageren Figur zu erkennen. Die genialen Unternehmer, die eigentlichen Helden in Ayns Welt, leben ausschließlich für ihre Arbeit und deren Entlohnung, Entlohnung ausschließlich in Geld, natürlich. Undank ist natürlich auch ihr Lohn, aber dazu mehr später. Natürlich haben sie alle einen süperben Arbeitsethos, denn sie sind nie versucht, zu mogeln, zu bestechen oder einzuschüchtern. Es ist zudem allgemeiner Konsenz, dass ihre Produkte ganz toll und unentbehrlich sind, so dass ihr Erfolg ausschließlich eine Funktion ihrer hervorragenden Leistung ist. Glück spielt zu keiner Zeit eine Rolle.

Auf der anderen Seite stehen die Schmarotzer – faule Menschen, die aufgrund ihrer Trägheit und Mittelmäßigkeit arm sind. Sie sind zu erkennen am glasigen Blick, wabbligen Gesichtzügen und pummeliger Figur. Statt sich auf den Hosenboden zu setzen und ihr karges Brot durch ehrliche Arbeit zu verdienen oder selbst geniale Unternehmen zu errichten, stellen diese Blutegel der Gesellschaft auch noch Ansprüche an die geplagten Helden. Sie verlangen Almosen, finanziert durch Steuern- infame Enteignung in Ayns Welt!

Rands Haltung zum Sozialstaat und zu Verlierern der Marktwirtschaft drückt sie am prägnantesten in der Figur des Piraten Ragnar Danneskjöld aus. Ragnar D verweigert der Gesellschaft sein Leistungsvermögen und widment sich stattdessen der Piraterie. Er kapert Schiffe, die Hilfsgüter an die Volksrepubliken Europas liefern sollen. Den Erlös verkauft er auf dem Schwarzmarkt gegen Gold,das er an Reiche zurückgibt als Entschädigung für Einkommenssteuer. Hier Auszüge aus Ragnars Monolog:

Robin Hood [..] He was the man who robbed the rich and gave to the poor. Well, I’m the man who robs the poor and gives to the rich – or, to be exact, the man who robs the thieving poor and gives back to the productive rich. […]But I have seized every loot carrier that came within range of my guns, every government relief ship, subsidy ship, loan ship.. every vessel with cargo of goods taken by force from some men for the unpaid, unearned benefit of others.[…]He [Robin Hood] is remembered, not as a champion of property, but as the champion of need, not as the defender of the robbed, but as the defender of the poor. […]Until men learn that of all human symbols, Robin Hood is the most immoral and the most contemptible, there will be no justice on earth and no way for mankind to survive.

Robin Hood als schlimmstes Symbol aller Zeiten? Menschen, die vor dem Nationalsozialismus flüchten mussten, sind da vielleicht anderer Meinung.

In Ayns Welt werden die Leistungsträger durch Steuern uns Regulierungen erstickt. Man mag da an Regulierungen wie etwa Grundwasserschutz, Regulierung von Atomkraftwerken oder Regulierungen in der Pharmaindustrie denken. Alles Boshaftigkeiten, ersonnen von Schmarotzern, die den Leistungsträgern übelst mitspielen. Dem soll endlich ein Ende gesetzt werden. Die Unternehmer beschließen, zu streiken. Erwartungsgemäß bricht natürlich die Welt zusammen, weil das gemeine Volk, die 99% ,im heutigen Jargon, zu trottelig sind, um auch nur den simplesten Schienenverkehr zu organisieren.

Der Roman ist ein gelungenes Propagandastück für alle diejenigen, die jede Form von sozialer Solidarität ablehnen. Egoismus ist explizit erwünscht. Einzige Überraschung für mich war der Sex. Es wird zwar nichts im Detail beschrieben, schließlich befinden wir uns mitten in den Fünfzigern, aber immerhin treibt es die Heldin Dagny mit drei Kerlen parallel, davon einem verheirateten.
Das gehört für mich auf jeden Scheiterhaufen eines sozial Konservativen, der seinem Fanatismus treu bleiben will.

Sofern man nicht von animalischem Hass auf Sozis geplagt ist, wie etwa die Autorin selbst, die über die Enteignung ihrer Eltern durch die Revolutionen in Russland offenbar nie hinweggekommen ist, bereitet das Lesen Langeweile und Schmerzen.Ich habe mich über mehr als 1001 Seiten lang gequält. Dennoch muss ich sagen, dass ich aus der Lektüre lebenswichtige Erkenntnisse gewonnen habe. Ich glaube, Joseph McCarthy lebt heute noch, zumindest in den zornigen Herzen seiner wachsenden Anhängerschaft. Sollte dieses Opus auch in Europa respektablen Status erreichen, werden auch hier Menschen, die keine Berührungsängste mit sozialistischen Ideen haben, als Perverse gebrandmarkt.Wenn es soweit gekommen ist, sollte sich niemand damit entschuldigen, er habe es nicht gelesen.

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Das Bauernopfer des Tages – Jérôme Kerviel


Im Januar 2008 meldete die französische Bank Société Générale, auch „Socc Gen“ genannt, einen Handelsverlust von fast 5 Milliarde Euro an, einen Verlust den sie einem einzelnen ihrer Händler in die Schuhe schiebt: Jérôme Kerviel
Seither ist sind beide Parteien im Dauerstreit vor Gericht. Kerviel beteuert, mit dem ausdrücklichen Segen seiner Vorgesetzen gezockt zu haben. Zock Gen, pardon, Socc Gen bestreitet dies und beharrt auf dessen alleinige Verantwortung. Heute, am 24 Oktober, bestätigte ein französisches Berufungsgericht seine alleinige Schuld. Er wurde zu 3 Jahren Haft und zur Zahlung von 4.9 Milliarden Euro verurteilt. Er wurde als waghalsiges, spielsüchtiges Computergenie dargestellt. Das mag alles stimmen – obsessives Verhalten ist notwendig, um in diesem Geschäft erfolgreich zu sein. Solange es gutgeht, werden Trader gefeiert. Geht es schief – und wie in jedem Roulettespiel kommt der Tag garantiert – werden sie gefeuert, bestenfalls. Die Hierarchie bleibt bestehen. Kracht die Bank, steht der Steuerzahler ja bereit. Dass es auch anders geht, zeigt das Beispiel Peugeot. Der Autohersteller muss für die staatliche Unterstützung Entscheidungsbefugnisse abgeben, oder anders gesagt: Das Unternehmen wird verstaatlicht, mit aller Konsequenz. Warum geht das nicht mit Banken?

Warum ist dieses Urteil für jeden relevant? Es geht jeden etwas an, weil Kerviel mit Derivaten zockte, jenen undurchsichtigen Finanzprodukten, die die heutige globale Depression hervorgerufen haben.Die meisten Derivate (meisten im Sinne des kumulierten Nominalwertes) sind undurchsichtig zum einen, weil ihre Ausstattung bewusst komplex ist, zum anderen weil sie an der Öffentlichkeit vorbei, unterm Ladentisch gehandelt werden. Das Zocken mit Derivaten ist die Ursache dafür, dass Sie, Leser, entweder im Müll nach Nahrung suchen müssen, falls sie in Spanien oder Griechenland leben, oder ihre Ersparnisse wegen Inflation schrumpfen, ihre Steuern bald steigen und Ihre Kinder das Wort Rente nur aus Erzählungen kennen werden, falls Sie in Deutschland leben.
Das Urteil geht auch Sie etwas an, weil mit diesem Bauernurteil verschleiert wird, dass die Architekten dieses Systems ungestört weiter an der globalen Umverteilung basteln können. Dabei ist es egal, ob es sich um eine „Verschwörung“ handelt, oder um simple wildgewordene Gier.

Lesetipp: Wer sich mehr für den Fall Socc Gen interessiert, dem empfehle ich das Buch von Jérôme Kerviel selbst,“L’engrenage – Mémoires d’un trader“ (Das Räderwerk – Erinnerungen eines Traders).

Der IWF stellt eine blasphemische Frage:


Was wäre wenn man alle Schulden mit einem Federstrich für null und nichtig erklären würde? Was wäre, wenn man den Banken das Privileg, Geld aus dem Nichts zu kreieren, einfach entziehen würde? Indem Banken nur einen Bruchteil des Geldes hinterlegen müssen, schaffen sie Geld. Würde die Zivilisation untergehen?
Diese Debatte war überfällig, nicht zum erstenmal in der Geschichte. Zuletzt (von prominenter Seite, nicht von Bloggern) wurde sie 1936  von Irving Fisher angeregt.
Der Ökonom befand folgendes: Aufgabe des Fiatsystems führt zu
1) der Eliminierung des wichtigsten Faktors in Konjunkturschwankungen
2) der Eliminerung von Bankenstürmen
3) einer dramatischen Reduzierung der öffentlichen Verschuldung
4) einer dramatischen Reduzierung der privaten Verschuldung

Diesmal wird sie im Namen des Internationalen Währungsfonds, unter der Feder von Michael Kumhof und Jaromir Benes geführt.
Hier ein PDF des Artikels. Die Forscher befanden, dass alle 4 Behauptungen  Fishers ihre Berechtigung haben. Dabei haben sie sich zurückhaltend ausgedrückt.

Wie Kommentator des konservativen britischen Blatts The Guardian in seinem Artikel „IMF’s epic plan to conjure away debt and dethrone bankers“ (Der epische Plan des IWF, Schulden wegzubeschwören und Banker vom Thron zu stürzen) es formuliert, sollte man dieser überfälligen Debatte, die einer Religionsdebatte verdächtig ähnlich ist, endlich ihren freien Lauf lassen.

Erst Afrika, nun auch Europa – der IWF ist bereit


Wie in meinem Artikel „Wenn die Finanzmafia vor unserer Tür steht“ hatte ich bereits dargelegt, dass die Hilfe des IWF eine „Wohltat“ darstellt, auf die man besser verzichten sollte. Insider John Perkins, der sich selbst als ehemaliges Mitglied der „Finanzmafia“ erklärte in seinem Buch  „Confessions of an Economic Hitman“, was „Darlehen“ für ein bankrottes Land wirklich bedeuten. Sie bereichern eine kleine Elite und verarmen die Allgemeinheit, und die Resourcen des Opferlandes, ob sie im Boden liegen oder in Form von billigen Arbeitern, stehen zur Plünderung frei. Irland hatte zugesagt, Island hat alle zum Teufel gejagt.

Nun muss sich Spanien entscheiden, ob sie es wie die Iren tun wollen, oder wie die Isländer. IWF-Chefin Lagarde sagt, der Währungsfond sei bereit, Spanien zu helfen.Sie könne sich vorstellen, die „Strukturreform“ zu überwachen, oder „eine Rolle bei der Finanzierung zu spielen.“ Wirtschaftsblogger Mike Shedlock, dem man weiß Gott nicht als Linken bezeichnen kann, übersetzt die Äußerungen der Retterin mit „IWF bereit, Spanien zu plündern“. Die Karikatur, die seinen Artikel ziert, sagt mehr als tausend Worte. Sie zeigt ein trojanisches Pferd mit der Aufschrift „To Ireland, With Love, Yours Truly, IMF.“

Ich kann es nicht oft genug wiederholen: Die Darlehen kommen den Banken, vorallem den deutschen, französischen und amerikanischen zugute. Anders als die Propaganda es immer hinausposaunt, wird es keinen „Trickle-Down-Effekt geben.“ Es handelt sich um eine spektakuläre Umverteilung, nicht mehr und nicht weniger. Menschen aus den Ländern mit dem unsäglichen Akronym PIIGS werden ihre Mahlzeiten aus dem Müll ziehen, damit einige wenige ihre Boni erhalten können.

Eine Krise – 3 Perspektiven


Erinnern wir noch einmal daran, dass die weltweite wirtschaftlich Depression von Banken ausgelöst wurde. Staaten wie die USA oder die EU sind am Rande des Bankrotts getrieben worden, weil sie ihre als unverzichtbar geltenden Banken retten müssen, auf Kosten der Bürger – und zwar überall. Lobbyisten der Banken haben Volksvertretern weißmachen können, dass ihre Subventionierung ohne Gegenleistung unverzichtbar für das bitter benötigte Wachstum sei, ja für die Rettung der Zivilisation. Vorallem verbreiteten sie drei Weißheiten, die jeder kritiklos übernahm. Robert Jenkins, Mitglied der Bank of England, äußerte sich nun kritisch über diese Glaubenssätze, die er als Mythen bezeichnet. Peer Steinbrück scheint auf die Mythen nicht hereingefallen zu sein, da sein Wahlkampfpapier ganz gezielt auf eine Reform und stärkere Verantwortung der Banken zielt.

Mythos 1: Zu hohe Kapitalanforderungen gehen auf Kosten des Wachstums. Das ist Unsinn, weil höhere Kaptalhinterlegung die Kosten der Kreditnahme verringern
Mythos 2:Geringerer Ertrag vermindert die Chance auf Investoren. Das ist Unsinn, weil nicht jeder Investor bloß auf kurzfristige Gewinne hin anlegt.
Mythos 3: Bankenregulierung zerstört den Wettbewerbsvorteil des Standorts. Also: Wenn London dem hemmungslosen Treiben ein Ende setzt, ist London nicht mehr London. Das ist ebenfalls Unsinn, weil im Gegenteil, Vertrauenswürdigkeit der Entscheidende Faktor ist.

Hier ein Artikel des konservativen Telegraph, im Volksmund auch Torygraph genannt.

In der zwischenzeit gibt es immernoch selbsternannte Experten, vorallem im Blatt für kluge Köpfe, der Frankfurter Allgemeinen, denen die Strangulierung der Südstaatenländer nicht heftig und brutal genug zugeht. So schreibt FAZ-Schreiber Klaus-Dieter Frankenberger, gelernter Amerikanist, die Regierungen müssen weiter Kurs halten. So heißt es in seinem Artikel Kurs halten in der  Krise:

Aber auch in Madrid eskaliert der Protest. Das zeigt zweierlei: Die Sparpolitik zeigt Wirkung, die Kürzungen treffen viele Leute wirklich. Aber noch immer haben viele nicht begriffen, dass es so wie früher, als der Staat mehr ausgab, als er hatte, und die Bürger es ihm nachmachten, nicht mehr geht. Das Missverhältnis zwischen Konsum und Einnahmen führt in den Bankrott und gefährdet die Währungsunion; diese Lektion sollten nun alle gelernt haben. Und: Wer die Wettbewerbsfähigkeit seiner Wirtschaft ruiniert, muss später einen hohen Preis zahlen.

Was für eine Wirkung die Sparpolitik vor Ort hat, kann man in der New York Times lesen, in einem Artikel der beschreibt, wie immer mehr Spanier ihre Mahlzeiten in Müllkontainern von Supermärkten suchen.

Spain Recoils as Its Hungry Forage Trash Bins for a Next Meal

Sind Kapitalismuskritik und Antisemitismus korreliert?


Wenn man so manchen Foren und Blogs Glauben schenken möchte, dann tummeln sich die Weltanschauungen innerhalb des von Pro/Kontra Kapitalismus und Pro/Kontra Antisemitismus aufgespannten Raums von Auffassungen hauptsächlich in zwei Quadranten:

(1)  Kapitalismus ist böse und die Welt leidet unter einer jüdischen Verschwörung
(2) Unregulierter Kapitalismus ist gut und läuft fehlerfrei. Diejenigen, die ihn kritisieren, sind frustrierte, nicht zu Potte gekommene Verlierer und Antisemiten, die an eine Verschwörung glauben.

Mit anderen Worten: Die Haltung zum Wirtschaftssystem wird als Funktion des Antisemitismus erklärt, und darin sind sich Anhänger der Glaubensgemeinschaft (1) und Glaubensgemeinschaft (2) einig – welch eine gruselige Ironie! Ich werde den Verdacht nicht los, dass sich beide Gruppen ähnlich sind, und nur Zufälle der Biographie über ihre  Zugehörigkeit entschieden haben.
Für alle anderen, die sich ernsthaft mit den Themen Schuldenkrise, Kapitalismus und Allokation von Ressourcen auseinandersetzen wollen, ist das nur eine unangenehme Ablenkung. Ablenkung von Fragen wie „Haben wir zur Zeit überhaupt ein kapitalistisches System?“, oder „Wie frei sind die Märkte wirklich?“

Das tragische ist, dass es in Krisenzeiten  der emotional leichtere Weg ist, sich gegenseitig anzufeinden und in eine Schublade zu stecken. Hier die fleißigen Nordländer, dort die südländischen Schmarotzer. Hier die unterdrückten Südländer, dort die geizigen Nordländer. Hier die herzlosen Kapitalisten, dort die Kommunisten und Liebhaber der Planwirtschaft oder Kibutz. Keine Menschen, die Angst um ihre Existenz haben.  Alles Schablonen.
Wie gerne würde man einfache Kriterien benennen, anhand derer man „die Guten“ zuverlässig  erkennen kann. Mal sind es ethnische, mal nationale, mal soziale Kriterien. Wenn es jeder so tut, führt es am Ende zu Klassenkampf, Rassismus und Krieg.
Gerade dann, wenn Respekt vor dem Anderen am nötigsten ist, geht diese Tugend zuerst flöten. Wer glaubt, dass wir freier, klüger und aufgeklärter sind als die Generationen, die den 1. oder 2. Weltkrieg miterlebt/ zugelassen haben, wird womöglich so manche Enttäuschung erleben.

Und täglich grüßt das Murmeltier.

Wer bleibt wohl am Ende übrig?


Zuerst gerät HSBC mit dem Vorwurf der Geldwäsche ins Kreuzfeuer der US-Behörden, dann droht der britischen Bank Standard Chartered der Entzug der Banklizenz in den USA. Der Spiegel berichtete brav darüber, welch schmutzige Geschäfte die nun aufgedeckt wurden, und denkt sich nichts böses dabei. ch habe keinen Zweifel daran, dass die Vorwürfe berechtigt sind. Wenn ich jedoch lese, dass andere, größere Banken von jeglichem Vorwurf des Missbrauchs bei der Subprime-Krise reingewaschen wurden, dann komme ich  ins Grübeln.

Ist es meine Einbildung, oder ist es, wie oft, der Stärkste, der die Regeln bestimmt, der Geschichte schreibt, der bestimmt, wer die Zeche zahlt? Nicht, dass ich Mitleid mit irgendeiner Bank hätte, denn am Ende zahlen wir für alle Banken, und es ist egal, welcher Name am ende die Tore der übriggebliebenen Institute ziert. Wenn ich solche Meldungen lese, dann fehlt mir jegliche Geduld mit denjenigen, die immernoch darüber schwafeln, wie sehr die Menschen über ihre Verhältnisse gelebt haben.

Versteckte Inflation


Kurz nach Einführung des Euro beschwerten sich viele Menschen darüber, dass sich Preise für alltägliche Waren praktisch über Nacht verdoppelten. Es schien, als habe man in Supermärkten und Restaurants das DM einfach durch EUR ersetzt. Die Statisitk sang ein anders Lied – alles war super. Das war im Jahre 2000.

Heute habe ich in manchen Ländern den Eindruck, dass sich der Preis des mythischen Warenkorbes zwar gehalten hat, aber der Korb selbst geschrumpft ist. Die Portionen werden einfach kleiner, ist zumindest mein Eindruck. Offenbar bin ich nicht alleine.

Das für Deutschland ist die Situation eher entspannt, zumindest laut Statist. Bundesamt.

Wie ist Ihre Erfahrung?

Kann man Geld essen?


Das könnte man sich manchmal fragen, wenn man monatelang nur noch von Bankenkollaps, Währungsaustritt und Schuldenschnitt hört oder liest. Dann mag sich mancher fragen,wozu die Europäische Union oder gar der Welthandel gut ist – legitime Frage bei allen Verwerfungen.

Dann wiederum, wenn man sich Meldungen über Trockenheit in den USA und Teilen Südeuropas und die Folgen für die Weltnahrungsproduktion vor Augen führt, kommt man ins Grübeln. Während Erträge in den USA, Italien, Georgien und Indien fallen, können Deutschland und Frankreich auf gute Erträge hoffen.
Hier ein detaillierter Artikel von Bloomberg mit Video:

Rinder und Schweine müssen in den USA vermutlich wegen steigender Futterpreise (Mais) geschlachtet werden, was kurzfristig zu sinkenden Preisen für Fleisch führt (Jubel!?). In normalen Zeiten – keine Depression, kein drohender Währungskollaps, nur lokale Trockenheit, ist Welthandel dazu da, lokale Ausfälle auszugleichen. Dieses System hat uns in der reichen EU über lange Zeit Überfluss beschert. Mit ein paar Spenden an die „Dritte Welt“ hat man sich augenscheinliche Stabilität und ein gutes Gewissen erkauft.
(Meine Wurstfinger wollten erst  ein L in „erkauft“, zwischen K und A, eingeschmuggeln, Freudscher Vertipper sozusagen).

Auch Teile Europas sind von Trockenheit betroffen. Was ist, wenn diese Trockenheit dank Klimaerwärmug zur Normalität wird? Was ist, wenn Ernteausfälle und Staatsbankrott zusammentreffen? Was ist, wenn z.B. Südeuropa nicht mehr genug produziert, um sich selbst zu ernähren, und Nordeuropa seine Ersparnisse an Banken verschwendet hat?
Was geschieht in der EU? Wie solidarisch werden sich die Bürger untereinander zeigen, wenn es um existentiellere Fragen als den Lebensstandard geht? Ich selbst, der ich halbrohes Steak gerne genieße, muss mir ernsthaft die Frage stellen, die ich in den Achzigern und Neunzigern übergangen habe:

Ab wann bin ich bereit, auf Steak zu verzichten, damit meine Nachbarn Brot haben?

Während ich schlief


Ich befinde mich zur Zeit in der Hölle – der Wohnungsrenovierungshölle. Bis ich mir den Gipsstaub aus Augen und Ohren gewischt habe,ist vielleicht die D-Mark längst eingeführt, und die Welt wie ich sie kannte, ist eine andere geworden. Merkel und Hollande werden ihr zehntes Tcha-Tcha-Tcha aufs Parkett gelegt haben, und das bloße Gerücht einer synchronen  Intervention der Zentralbanken wird die Märkte mal wieder für eine Millisekunde in Euphorie taumeln lassen, Journalisten werden sich weiterhin bemühen, Sinn zu interpretieren.

Die wundersame Nachrichtentzugskur der letzten Tage hat meine Fähigkeit, zu staunen, erfrischt. So kann ich über die folgende Nachricht aus der FAZ nur staunen:
„Anleger verklagen Griechenland auf Entschädigung“

Es ist so, als würde man einen toten Esel dafür züchtigen, dass er seine Frondienste nicht mehr verrichten kann. Vermutlich sind darunter auch Anleger, die sich mit dem Versprechen auf risikolose Monstergewinne Zertifikate haben aufschwatzen lassen, deren Mechanismen sie nicht begriffen haben, oder noch schlimmer, die noch nie etwas von Emittentenrisiko gehört haben (wollen). Wann wird endlich der Narrenaufschlag offiziell eingeführt?

Eines scheint mir sicher: Unter der „Krise“ (Depression) wird in naher Zukunft fast jeder, auch in Deutschland finanziell zu leiden haben. Die besten Chancen, wieder herauszukommen, haben die Gesellschaften, die noch einen gewissen Zusammenhalt haben, gerade wenn Währungen und Sozialleistungen zusammenbrechen. Unter diesem Aspekt frage ich mich, wo man besser für Chaos gerüstet ist: In Deutschland oder in Spanien? In Bayern oder in Hamburg?

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