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Über die neue Umverteilung

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Sind Kapitalismuskritik und Antisemitismus korreliert?


Wenn man so manchen Foren und Blogs Glauben schenken möchte, dann tummeln sich die Weltanschauungen innerhalb des von Pro/Kontra Kapitalismus und Pro/Kontra Antisemitismus aufgespannten Raums von Auffassungen hauptsächlich in zwei Quadranten:

(1)  Kapitalismus ist böse und die Welt leidet unter einer jüdischen Verschwörung
(2) Unregulierter Kapitalismus ist gut und läuft fehlerfrei. Diejenigen, die ihn kritisieren, sind frustrierte, nicht zu Potte gekommene Verlierer und Antisemiten, die an eine Verschwörung glauben.

Mit anderen Worten: Die Haltung zum Wirtschaftssystem wird als Funktion des Antisemitismus erklärt, und darin sind sich Anhänger der Glaubensgemeinschaft (1) und Glaubensgemeinschaft (2) einig – welch eine gruselige Ironie! Ich werde den Verdacht nicht los, dass sich beide Gruppen ähnlich sind, und nur Zufälle der Biographie über ihre  Zugehörigkeit entschieden haben.
Für alle anderen, die sich ernsthaft mit den Themen Schuldenkrise, Kapitalismus und Allokation von Ressourcen auseinandersetzen wollen, ist das nur eine unangenehme Ablenkung. Ablenkung von Fragen wie „Haben wir zur Zeit überhaupt ein kapitalistisches System?“, oder „Wie frei sind die Märkte wirklich?“

Das tragische ist, dass es in Krisenzeiten  der emotional leichtere Weg ist, sich gegenseitig anzufeinden und in eine Schublade zu stecken. Hier die fleißigen Nordländer, dort die südländischen Schmarotzer. Hier die unterdrückten Südländer, dort die geizigen Nordländer. Hier die herzlosen Kapitalisten, dort die Kommunisten und Liebhaber der Planwirtschaft oder Kibutz. Keine Menschen, die Angst um ihre Existenz haben.  Alles Schablonen.
Wie gerne würde man einfache Kriterien benennen, anhand derer man „die Guten“ zuverlässig  erkennen kann. Mal sind es ethnische, mal nationale, mal soziale Kriterien. Wenn es jeder so tut, führt es am Ende zu Klassenkampf, Rassismus und Krieg.
Gerade dann, wenn Respekt vor dem Anderen am nötigsten ist, geht diese Tugend zuerst flöten. Wer glaubt, dass wir freier, klüger und aufgeklärter sind als die Generationen, die den 1. oder 2. Weltkrieg miterlebt/ zugelassen haben, wird womöglich so manche Enttäuschung erleben.

Und täglich grüßt das Murmeltier.

Marktwirtschaft?


Kapitalismuskritik
Seit wann ist Empörung albern? Die westlichen Eliten fürchten sich vor Kapitalismuskritik und Globalisierungskritik. Sie ziehen Bewegungen wie Ocuppy oder die Indignados ins Lächerliche – wie etwa durch Aussagen von unserem zukünftigen Präsidenten-Sprachrohr der Elite, als er die Occupy-Bewegung als albern bezeichnete.

Welche Marktwirtschaft?
Aber viel gefährlicher für die Elite ist die Kritik an der Art, wie sie ihr eigenes System heruntergewirtschaftet haben. Um es mal klar auszusprechen:
Wir haben keine Marktwirtschaft. Wir haben keinen Rechtsstaat – in keinem der westlichen Länder. In einer Marktwirtschaft gelten gleiche Regeln für alle. Wenn ich anvertrautes Geld veruntreue, droht mir Strafe, sofern ich nicht MF Global heiße. Als MF Global, einem Broker für Terminkontrakte auf landwirtschaftliche Rohstoffe, ist es mir jedoch erlaubt, Kundengelder zu veruntreuen und kurz vor dem Bankrott verschwinden zu lassen. Als Goldman Sachs ist es mir erlaubt, wie ein koksnasiger Zocker Milliarden zu verspielen und die Weltkonjunktur in den Abgrund zu reißen. Es droht weder Bankrott für die Banken noch Gefängnis für ihre überbezahlten Verwalter. Damit ist das Gewinn-Riskoprofil zugunsten der Gewinnerwartung verschoben. Für einen Psychopathen in Nadelstreifen ist es durchaus rational, Kredite in Milliardenhöhe an finanziell minderbemittelte zu verteilen, weil es von Anfang an klar ist, dass unter der Prämisse ‚ Too Big To Fail ‚ das Risko auf den dummen Steuerzahler abgeladen wird.

Welches System?
Jedes System ist so gut wie die Menschen, die es steuern. Egal, ob wir unser zukünftiges System Kommunismus, Kapitalismus oder wie auch immer nennen, die Resultate werden immer die gleichen sein, wenn wir es versäumen, psychopathisches Verhalten zu bestrafen. Psychopathen gedeihen in jedem System, weil sie einen Sinn dafüt haben, wie sie es zu ihren Gunsten und zu Lasten der Allgemeinheit verbiegen können. Die größte Bedrohung für diejenigen, die die Occupy-Bewegung als albern kleinreden, wäre, wenn sie gezwungen wären, nach den gleichen Regeln zu leben, wie Jedermann.

Wo ist das Geld verschwunden?
Wollen wie das Steuer herumreißen, müssen zuerst einige Köpfe rollen – nicht wirklich, wie zu Robbespierres Zeiten, sondern bildlich gesprochen. Manager, Aufsichtsratsmitglieder, Politiker müssen sich verantworten. Solange die Jon Corzines dieser Welt frei heraumlaufen können, brauche wir über Sinn und Unsinn der Marktwirtschaft nicht nachzudenken. Rechtsstaatlichkeit kommt vor jeder anderen Überlegung. Gleiches Recht für alle – das ist die wahre Revolution, vor der sich gewisse Leute fürchten müssen. Um genau dies zu verhindern, ist ihnen jedes Mittel recht – auch Krieg.

Nachtrag
Hier ein Link zu einem Blog, auf den ich soeben gestoßen bin. Es geht um die Operation Euribor. Der Euribor ist der eupäische Referenzzinssatz. Was geht der uns an? Nun,er ist Referenzzinssatz für Darlehen, und spielt eine entscheidende Rolle in der Bewertung aller Derivate in Euro. Sollte es sich bestätigen, dass Banken in gegenseitiger Absprache die Zinssätze manipuliert haben, dann hätten wir unseren eigenen Finanzskandal. Jeder Versuch, einen Betrug dieses Ausmaßes aufzudecken ist weiterer David-gegen-Goliath-Moment.
Mein Kommentar zu den Leuten, die innerhalb des Rechtssystems versuchen, Transparenz zu erzwingen: Bravo ud Danke!

Buchtipp


Wenn die Realität Sci-Fi einholt

Wenn ein Autor in einem Roman über die Occupy-Proteste in New York schreibt, dann ist es zunächst nicht ungewöhnlich. Wenn es sich jedoch um einen Science-Fiction Roman handelt, der Ende 2010 publiziert wurde, dann wird es spannend. Der Roman „Super Sad True Love Story“ von Gary Shteyngart kommt zunächst ganz witzig und harmlos daher. Er plaudert im Stil von Tagebüchern, SMS und Facebook-Posts über die Liebesbeziehung zwischen einem 39-jährigen Intellektuellen (im NY der Zukunft gilt bereits als intellektuell, wer Bücher in die Hand nimmt und liest) und einer zwanzigjährigen.
Global Teens
Shteyngart spielt glaubhaft mit erfundenen Markennamen wie „AssLuxury“ für Mode oder „Global Teens“ für Facebook. Global Teens sind allerdings nicht die zwanzigjährigen Figuren, die man wegen ihrer unbedarften Sprache leicht unterschätzt, sondern die älteren, die sich mit aller Gewalt weigern, erwachsen zuwerden. Wider Erwarten sind es nicht die belesenen, die Hirn und Herz zeigen.  Das Ende ist recht bitter, und man drückt die Daumen, dass es nie eintritt.

Ein Buch, das ich nur empfehlen kann: Gary Shteyngart Super Sad True Love Story

Und hier ein sehr unterhaltsames Interview mit dem Autor. Mein Lieblingszitat: „Kauft keine US-Treasuries, kauft möglichst viele meiner Bücher und lagert sie in einer modrigen Lagerhalle.“

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