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Über die neue Umverteilung

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Die Welt von gestern – Erinnerungen eines Europäers


Es gab eine Zeit, da glaubte ich, die Menschen vor und zwischen den beiden Weltkriegen waren eine prinzipiell andere Sorte Menschen als meine Zeitgenossen. Geboren im Zeitalter des Fernsehens, des Massentourismus und des scheinbar selbstverständlichen Friedens und Wohlstands – zumindest in Europa – war es mir trotz Geschichtsunterricht (Joachim Fests Dokumentarfilm über den Nationalsozialismus ist mir immernoch im Gedächtnis) völlig schleierhaft, wie zwei Weltkriege, noch dazu in so kurzen Abständen voneinander, überhaupt möglich waren.

Es war mir unvorstellbar, dass es so leicht sein konnte, Völker gegeneinander aufzuhetzen. Unvorstellbar, bis die Eurokrise ausbrach, mit den gegenseitigen (bisher verbalen und ökonomischen) Anfeindungen, bis zum erstenmal die Idee verschlossener Grenzen und von Kapitalkontrollen nicht mehr Tabu war. Dann erinnerte mich an die Autobiographie

„Die Welt von gestern – Erinnerungen eines Europäers“ von Stefan Zweig.

Er schrieb seine Autobiographie 1934 aus dem englischen und später brasilianischen Exil heraus, voller Trauer um ein untergegangenes Europa.

Stefan Zweigs Chronik beginnt mit dem bürgerliche Wien vor dem ersten Weltkrieg, dem Optimismus, die paneuropäische Verbrüderung, zumindest unter Intellektuellen, und das Aufkommen dunkler Wolken über Europa. So erinnert er sich, als er in einem Kino in Frankreich antideutsche Propaganda miterleben muss. Als der Krieg ausbricht, befindet er sich gerade in Belgien. Den Krieg selbst erlebt er hautnah als Kriegsreporter. Nach dem 1. Weltkrieg beschreibt er die Zeit der Hyperinflationen. Erst in Österreich, als Deutsche sich eine relativ stärkere Mark zum Einkauf und stolzen Autreteten mal rasch jenseits der Grenze zunutze machen. Dann in Deutschland, mit den Folgen, die wir alle kennen.

Was mich an diesem sehr persönlichen Zeitbericht so bewegt, ist  dass die Menschen aus Zweigs Zeit eben nicht prinzipiell anders waren als ich und meine europäischen Zeitgenossen.

..denn in dieser bürgerlich stabilisierten Welt mit ihren unzähligen kleinen Sicherungen und Rückendeckungen geschah niemals etwas Plötzliches; was von Katastrophen sich allenfalls draußen an der Weltperipherie ereignete, drang nicht durch …“

Bei diesem Zitat frage ich mich, wie wir uns verhalten werden, wenn erst mal unsere Toleranz für Chaos und Unsicherheit auf die Probe gestellt wird. Ich hoffe immernoch, ganz leise, dass wir doch von einer anderen, vorteilhaft mutierten Sorte sind.

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