wildezeiten

Über die neue Umverteilung

Archiv für den Monat “September, 2012”

Cartoon vs Cartoon – Zivilisation schlägt zurück


Letzte Woche veröffentlichte die französische Zeitschrift Charlie Hebdo Mohammend Karikaturen und erntete dafür sehr viel Zorn.Etwa 20 französische Bothschaften wurden weltweit aus Furcht vor Attentaten daraufhin geschlossen. Der Webserver von Charlie ist zur Zeit immernoch lahmgelegt. Viele Politiker im Westen bezeichneten die Veröffentlichung der Karikaturn als Unverantwortlich angsichts dieses Klimas der Gewalt und weltweiten Spannungen . Ich kann diese Haltung zwar verstehen, aber ich fürchte eine militante Religiosität (egal um welche Religion es sich handelt) weit mehr. Meine Haltung zu diesem Thema habe ich in meinem Artikel „Die Klerikalen schlagen zurück“ beleuchtet.

Um so mehr freut es mich, zu erfahren, dass ein verbaler Dialog doch möglich ist, wenn auch in der Form eines zarten Pflänzchens. Die Ägyptische Zeitung al-Watan veröffentlichte diese Woche eine Serie von dem Westen gegenüber kritische Karikaturen, nach dem Motto „Fight cartoons with cartoons“. In einer Zeichnung ist das World Trade Center durch eine Brille zu sehen, mit dem Kommentar „Western glasses for the Islamic world“. In einer anderen sieht man zwei Porträts von Moslems, eines friedlichen und eines blutrünstigen. Eine Taschenlampe mit Stars and Stripes wirft ein Schlaglicht auf den Radikalen. Mehr Details dazu bei BBC.

So geht es auch! Jeder hat das Recht, Sinn oder Unsinn zu veröffentlichen, solange es nicht zu Gewalt aufruft. Niemand wird gezwungen, jeden Mist zu lesen. Das sind unsere westlichen Werte, Punkt!

Eine Krise – 3 Perspektiven


Erinnern wir noch einmal daran, dass die weltweite wirtschaftlich Depression von Banken ausgelöst wurde. Staaten wie die USA oder die EU sind am Rande des Bankrotts getrieben worden, weil sie ihre als unverzichtbar geltenden Banken retten müssen, auf Kosten der Bürger – und zwar überall. Lobbyisten der Banken haben Volksvertretern weißmachen können, dass ihre Subventionierung ohne Gegenleistung unverzichtbar für das bitter benötigte Wachstum sei, ja für die Rettung der Zivilisation. Vorallem verbreiteten sie drei Weißheiten, die jeder kritiklos übernahm. Robert Jenkins, Mitglied der Bank of England, äußerte sich nun kritisch über diese Glaubenssätze, die er als Mythen bezeichnet. Peer Steinbrück scheint auf die Mythen nicht hereingefallen zu sein, da sein Wahlkampfpapier ganz gezielt auf eine Reform und stärkere Verantwortung der Banken zielt.

Mythos 1: Zu hohe Kapitalanforderungen gehen auf Kosten des Wachstums. Das ist Unsinn, weil höhere Kaptalhinterlegung die Kosten der Kreditnahme verringern
Mythos 2:Geringerer Ertrag vermindert die Chance auf Investoren. Das ist Unsinn, weil nicht jeder Investor bloß auf kurzfristige Gewinne hin anlegt.
Mythos 3: Bankenregulierung zerstört den Wettbewerbsvorteil des Standorts. Also: Wenn London dem hemmungslosen Treiben ein Ende setzt, ist London nicht mehr London. Das ist ebenfalls Unsinn, weil im Gegenteil, Vertrauenswürdigkeit der Entscheidende Faktor ist.

Hier ein Artikel des konservativen Telegraph, im Volksmund auch Torygraph genannt.

In der zwischenzeit gibt es immernoch selbsternannte Experten, vorallem im Blatt für kluge Köpfe, der Frankfurter Allgemeinen, denen die Strangulierung der Südstaatenländer nicht heftig und brutal genug zugeht. So schreibt FAZ-Schreiber Klaus-Dieter Frankenberger, gelernter Amerikanist, die Regierungen müssen weiter Kurs halten. So heißt es in seinem Artikel Kurs halten in der  Krise:

Aber auch in Madrid eskaliert der Protest. Das zeigt zweierlei: Die Sparpolitik zeigt Wirkung, die Kürzungen treffen viele Leute wirklich. Aber noch immer haben viele nicht begriffen, dass es so wie früher, als der Staat mehr ausgab, als er hatte, und die Bürger es ihm nachmachten, nicht mehr geht. Das Missverhältnis zwischen Konsum und Einnahmen führt in den Bankrott und gefährdet die Währungsunion; diese Lektion sollten nun alle gelernt haben. Und: Wer die Wettbewerbsfähigkeit seiner Wirtschaft ruiniert, muss später einen hohen Preis zahlen.

Was für eine Wirkung die Sparpolitik vor Ort hat, kann man in der New York Times lesen, in einem Artikel der beschreibt, wie immer mehr Spanier ihre Mahlzeiten in Müllkontainern von Supermärkten suchen.

Spain Recoils as Its Hungry Forage Trash Bins for a Next Meal

Die Klerikalen schlagen zurück


Es war ein langer, schwerer Kampf, der über Generation dauerte. Endlich, im zwanzigsten Jahrhundert, war es erlaubt, die Großen und Mächtigen, diejenigen, die sich einbilden,jedem vorschreiben zu können, wie er zu leben hat, endlich durch den Kakao zu ziehen. Es war möglich, Religion lächerlich zu machen. Filme wie „Das Leben des Brian“ wurden produziert und genießen heute Kultstatus.

Wenn es etwas gibt, dass Erzkonservative und Religiöse aller Form und Farbe zusammenbringt, ob Katholiken, Juden oder Moslems, dann ist es der Wille, diese despektierlichen Satiriker und Relativisten zur Strecke zu bringen. Vielleicht noch eine Gay Pride Parade.

Ein schlechtgemachtes Video, das offenbar den Propheten Mohammed ins Lächerliche zieht, wurde dazu genutzt, den Mob auf den amerikanische Botschafter zu hetzen und mehrere Botschaften niederzubrennen. Die satirische Zeitschrift „Charlie Hebdo“ hat es wiedereinmal gewagt, Mohammed-Karikaturen zu publizieren. Auf ihrer Titelseite ist der Prophet im Rollstuhl, geschoben von einem jüdischen Ultraorthodoxen, zu sehen- eine Anspielung auf den Film „Les Intouchables“ – Die Unberührbaren. Darüber heißt es „Faut pas se moquer!

Ergebnis: Mehrere französische Botschaften wurden geschlossen, die Zeitschrift wurde für ihre „sinnlose Provokation“ von mehreren Seiten kritisiert, die Webseite des Blatts ist zur Zeit mal wieder nicht erreichbar, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis ihre Büroräume mal wieder in die Luft fliegen.

Wenn eine Organisation oder ein einzelner Autorität für sich beansprucht, dann ist die Verspottung ein legitimes, sogar notwendiges Mittel zur Eindämmung ihrer Macht. Die Säure des Spotts wird um so größer, je größer der Pomp. Warum halte ich es für notwendig, Mächtige, ob im Himmel oder auf Erden, vom Sockel zu stürzen? Weil kein Sterblicher die Weisheit für sich gepachtet hat. Gerade in Zeiten von Unsicherheit, sei es persönlich oder gesellschaftlich, haben Menschen die Tendenz, aus einem Kindlichen Reflex heraus nach unfehlbarem Rat zu suchen. Gerade in Zeiten der Verwundbarkeit fällt man leichter auf Scharlatane herein, die Heil versprechen. Oft ist Spott die einzige Möglichkeit, Heilsverkünder und ihre Schafe an ihre eigenen Grenzen zu erinnern.

Wenn sich der Papst  hinter seiner Kirche und obskuren Unfehlbarkeitsdoktrin versteckt, dann ist es nur natürlich, dass Satiriker versuchen, an diesem Image zu kratzen. Wäre der Papst nur ein alter Mann,dann wäre die Titelseite des Titanikmagazins, dass ein modifiziertes Bild mit Kotflecken an seiner weißen Soutane und dem Titel „Halleluja im Vatikan: Die undichte Stelle ist gefunden! „zeigte, eine Herabwürdigung. Da es sich aber um die Personifikation der Kirche handelt, und eben nicht nur um einen verletzbaren alten Mann, ist es gerechtfertigt. Dreckiger Humor gegen Schwache ist nie gerechtfertigt. Man kann sich über den Geschmack der Titanik streiten, aber man muss das Blatt auch nicht kaufen.

Der Kampf um Emanzipation vom Joch der Religionen muss offenbar von jeder Generation bestritten werden. Es sieht so aus, als würde der Westen diesen Kampf verlieren. Hauptwidersacher sind weniger die Klerikalen, als vielmehr die schweigende Mehrheit, die ihre Sicherheit und Bequemlichkeit vorzieht. Das spüren Politiker sehr wohl. Aus diesem Grund spricht sich kaum jemand bedingungslos für freie Meinungsäußerung aus. Wer Bomben wirft, hat das Sagen.

Zur Verteidigung der Kirche muss ich zugestehen, und es ist eine Schande, dass das nicht selbstverständlich ist:  Sie hatte den Rechtsweg zur Verteidigung ihrer Würde beschritten, nicht den Scheiterhaufen, wie einst.

Wenn wir uns durch Bomben von muslimischen Fanatikern einschüchtern lassen, dann kommen auch die Scheiterhaufen wieder und Freitags gibt es nur noch FishMac.

Leute ohne Facebook haben keine Chance auf dem Jobmarkt und Biogemüse ist überflüssig


Jetzt haben wir es amtlich, dass Biogemüse Quatsch ist, amtlich vom Spiegel: „Die Wissenschaftler von der Stanford University in Kalifornien fanden nach Durchsicht aller bisher veröffentlichten Daten zu dem Thema keinen deutlichen Nachweis dafür, dass biologische Lebensmittel nährstoffreicher sind oder ein geringeres Gesundheitsrisiko bergen.“
An dem Tag, and dem auch in Europa genmanipuliertes Gemüse im großen Stil angebaut wird, erübrigt sich die Frage sowieso. Gerne würde ich vom Spiegel erfahren, wer die finanziellen Sponsoren der Universität Stanford sind. Die Meldung wurde fast gänzlich kritiklos rund um den Globus weitergereicht und nachgeplappert.

Wir haben es auch amtlich, von Forbes, dass diejenigen, die noch immer kein Facebook-Account haben, nicht ganz normal sind und überhaupt auf dem Arbeitsmarkt große Loser sind:
But it does seem that increasingly, it’s expected that everyone is on Facebook in some capacity, and that a negative assumption is starting to arise about those who reject the Big Blue Giant’s siren call. Continuing to navigate life without having this digital form of identification may be like trying to get into a bar without a driver’s license.
Offenbar macht lesen doch dumm, zumindest Lesen ohne eine gehörige Portion Skepsis.

Wer keine Facebook-Präsenz zeigt, wird von Recruitern beiseite geschoben. Wer sich auf Facebook unvorteilhaft darstellt, zumindest aus Sicht des Corporate-Universums, wird ebenfalls auf den Index gesetzt. Alle anderen müssen sich beim Einstellungsgespräch über die Schulter gucken lassen und ihr Passwort dem Chef überlassen. Wie lange wird es wohl dauern, bis jeder ein generisches Profil auf Facebook erstellt, bis nichts individuelles mehr übrigbleibt? Ich hoffe, nicht lange, weil dann virtuelle Netzwerke obsolet werden.

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