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Über die neue Umverteilung

Schäuble bei CBS – wie man 60 Jahre Diplomatie in nur 2 Minuten zerstört


Die Sendung „60 Minutes“ des amerikanischen Senders CBS ist eine der beliebtesten politischen Sendungen in Nordamerika. Ein Interview auf dieser Plattform  ist für einen Repräsentanten eines europäischen Landes eine ziemlich gute Gelegenheit, einen fast unzensierten Eindruck auf die amerikanische (und kanadische) Öffentlichkeit zu hinterlassen. Ich sage bewusst „fast unzensiert“, weil allein die Auswahl des Abschnitts und die Übersetzung bereits ein Filter darstellen. Das Interview, das Schäuble am 4. April dem Journalisten Steve Kroft gab, war so erschreckend, dass ein Teil von mir hofft, es handelt sich um einen bösen Übersetzungsfehler. Der Finanzminister wurde aufgefordert, deutschfeindliche Ressentiments in Griechenland zu kommentieren, vielleicht ein wenig
Empathie für die Lebenssituation der Menschen zu zeigen, oder zumindest Befürchtungen hinsichtlich wiedererwachter deutscher Lebensraumphantsien zu entkräften. Hier ein Transskript des Interviews, wie es der Zuschauer zu sehen bekam:

Steve Kroft:There is a lot of bad feelings towards Germany, as I am sure you are aware. What is your reaction to this?

Wolfgang Schäuble: (grinst)  It is always like that, when you have countries or people who have been living beyond their means, now they have to apply some austerity, they have to make cuts, they have to reform their labour market. In such a situation, people tend to push the blame to others, they are looking for skape goats, its perfectly normal. But at the same time the Greek people know that their prosperity is thanks to being part of Europe

Steve Kroft:I am sure you have seen the cartoons, people talk of being under the German boot. They blame YOU, not just Germany, but in many cases YOU personally

Kichern

Wolfgang Schäuble: Of course, that’s part of politics. It’s part of my job as German finance minister to repeat over and over again that we cannot spend more than we have. But it doesnt mean that we wanna dominate anybody. Germany tried to do so in the past and it never works, but it no longer wants to do so today.

Hier der Link zu CBS:
http://www.cbsnews.com/video/watch/?id=7404310n&amp&amp&amp

Warum wohl finde ich die Äußerungen des Finanzministers kein bisschen beruhigend?
Mit fremden Augen gesehen ist die Antwort Schäubles einfach furchteinflößend. Nein, er sagt nicht, dass es furchtbar war, andere Länder zu überfallen und dass es dem modernen Deutschland nie einfallen würde, soetwas unmenschliches zu tun etc. Nein, es funktioniert so nicht mit den Großmachtsphantasien, deshalb, und nur deshalb lässt Deutschland heute davon ab. Bild und Ton, das herablassende Grinsen sowie der letzte Satz erinnern mich in erschreckender Weise an Christoph Waltz‘ großartige Performance in „Inglorious Basterds“.

Ich höre es jetzt schon in den Ohren klingeln “ Es ist mehr als 60 Jahre her, langsam muss auch mal gut sein ..“ etc. Mag sein, aber wenn schon die emotionale Intelligenz fehlt, sollten zumindest Exportzahlen Motivation sein, etwas mehr Empathie und Bescheidenheit zu zeigen. Wenn man jemanden bezahlen würde, Deutschland mies darzustellen und sämtliche Klischees zu bedienen, könnte man keinen besseren finden als Schäuble. Ich dachte, Kauder hätte den Vogel abgeschossen mit seinem „Europa spricht jetzt wieder deutsch“.

Bundesoberlehrer. Nein, es gehört nicht zu der Stellenbeschreibung eines Finanzministers, Zensuren zu verteilen und die eigenen Verfehlungen unter den Teppich zu kehren. Es gehört nicht zu seinen Pflichten, Griechen oder Spaniern imaginierte schwäbische Tugenden immerwieder unter die Nase zu reiben. Wenn es eine Botschaft gibt, die er gerne wiederholen kann, ist es:

„Bei der Gründung des Euro haben wir alle versagt. Wie holen wir gemeinsam die Kuh vom Eis?“

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6 Gedanken zu „Schäuble bei CBS – wie man 60 Jahre Diplomatie in nur 2 Minuten zerstört

  1. Völlig einverstanden mit dem Tenor des Autors: Die komplett falsche Art und Weise der Äusserungen Schäubles wird Deutschland schaden (oder es einfach nur zeigen, wie es wirklich ist?).

    Muchas gracias, solche Infos bekommt man sonst nirgendwo! Well done!

  2. Gracias! Meine Aufmerksamkeit auf dieses Interview wurde erst erregt, als ich die negative Resonanz in angelsächsischen Blogs las. Das ist nicht gut. Ich habe erfolglos nach dem Originalton gegraben, weil ich es kaum glauben kann, dass er sich wirklich so geäußert hat. Sollte jemand einen Link zum O-Ton haben, bitte posten!

  3. Pingback: Unterschiedliche Perspektiven « wildezeiten

  4. Der letzte Satz des Kommentators scheint in der Tat nicht in dem auf 1,5 Minuten zusammengeschnittenen CBS-Interview Schäubles enthalten zu sein. Da er die gravierende Aussage enthält, sollte man mal die ganzen 60 Minuten hören können. Auf jeden Fall scheint es so, als hätte man bei CBS „unsauber“ gearbeitet!

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