wildezeiten

Über die neue Umverteilung

Archiv für den Monat “Dezember, 2011”

Über Privatsphäre, Facebook, arabischer Frühling und Diaspora


Outing  als Dinosaurier

Zugegeben – ich bin nicht auf Facebook. Auf Linkedin habe ich bewusst meine Kontakte weggelassen, weil ich der Meinung bin, dass die Öffentlichkeit meine Kontaktliste – ob privat oder beruflich – nichts angeht. Weder will ich mit meinen Bekannten prahlen, noch will ich ihre Informationen preisgeben.
Die Tatsache, dass ich überhaupt zwischen Privateben, Berufsleben und Öffentlichkeit unterscheide, lässt mich wohl ziemlich alt aussehen – buchstäblich. Eric Schmitt und Marc Zuckerberg haben das Ende der Privatsphäre erklärt.

Stalker und Exhibitionisten
Kommentatoren haben Facebook als einen Ort charakterisiert, in dem Stalker auf Exhibitionisten treffen. Vor zwei Jahren durfte ich mit ansehen, wie eine neunzehnjährige regelrecht zusammenbrach, weil sie virtuell von sogenannten Freundinnen gemobbt wurde. Damals dachte ich noch : „Stell das verdammte Ding ab und such dir neue Freunde – Big Fucking Deal! “
Dass aus virtuellem etwas ganz reales entstehen kann, im guten wie im schlechten, ist mir nun klar.

Data Mining
Was mich aber noch mehr von Facebook fernhält, ist der Umstand, dass eine zentrale Stelle meine Vorlieben, meine Marotten, meine Freunde, meine Bilder elektronisch erfasst und ohne meine Zustimmung verwertet.
Aus den Webseiten, die ich besuche, den Menschen, die ich frequentiere, meinen Sprachstil lassen sich auch Dinge rekonstruieren, die ich lieber für mich behalten würde.
Oder ich werde in eine Schublade gesteckt, in die ich nicht hineinpasse. Das bestreben, menschliches Verhalten mithilfe vergangener Daten vorherzusagen, ist alt. Die Schufa tut’s, und tappt manchmal daneben. Amazon versucht es, und tappt bei mir jedesmal daneben. Irgendwie beruhigend.

Die Attraktion der Sozialen Netzwerke
Dennoch lässt mich der Reiz, mich it anderen Menschen über lokale Grenzen hinaus zu verbinden, Ideen auszutauschen, nicht los. Sien ist natürlich nicht neu. Einen Artikel des Economist über den viralen Effekt von Martin Luthers Thesen finde ich recht lesenswert.
(How Luther went viral – The Economist)
Ich frage mich nur: Was wäre passiert, wenn sich die Anhänger Luthers auf Facebook verlassen hätten? Hätten sich die Anhänger des Papstes der Daten Facebooks bemächtigt?
Hätten die Tunesier Twitter und Facebook benutzt, wenn Facebook Headquarters in Tunesien wäre?

Diaspora
Was ich mir wünsche, ist eine dezentrale Alternative zu Facebook, die es mir erlaubt, meine Daten zu kontrollieren. Daher bin sehr neugierig auf das Open Source Projekt Diaspora. Meine Vorhersage für das Jahr 2012: Zukünftige Protestbewegungen werden nicht auf Facebook organisiert, sondern auf auf Diaspora, geschützt vor den Argusaugen derer, die sie verhindern wollen. Zumindest ist es mein Wunsch.

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Wetten für’s Neue Jahr


Weltuntergang gemäß Mayakalender: 0%
Griechenland kehrt zur Drachme zurück : 50%
Rückkehr der DM: 50%
Mindestens 2 Banken kollabieren in Frankreich: 80%
Präsidenschaftswahlen in Frankreich – Stichwahl Le Pen Hollande: 30%
Präsidenschaftswahlen in Frankreich – Stichwahl Le Pen Sarkozy: 30%
Präsidenschaftswahlen in Frankreich – Sarkozy gewinnt in Stichwahl gegen Hollande: 20%
Krieg im Nahen Osten: Lieber nicht ausmalen
Säbelrasseln im Pazifik: 80%

Systemkritische Webseiten werden unter dem Vorwand des Copyrights auch im Westen blockiert: 100%

Stichprobenhafte endoskopische Darmdurchsuchungen an Flughäfen: 10%

Weitere Wettvorschläge werden bis zum 31., 24h MEZ angenommen.

Allen wünsche ich einen guten Rutsch!

Don Furioso

Machtstrukturen – Phantasie und Realität


Wir leben in einem souveränen Land, genießen einen demokratischen Rechtsstaat. Jeder ist vor dem Gesetz gleich – arm oder reich, Kleinunternehmer oder multinationaler Konzern. Resourcen werden in einem kapitalistischen Umfeld effizient eingesetzt, zum Wohle aller. Richtig? Falsch!

Fairer Wettbewerb lässt Zocker pleite gehen
Theoretisch sollte der Staat dafür Sorge tragen, dass alle die Spielregeln beachten. Theoretisch. Allerdings:
Werden die Mitspieler groß genug, bestimmen sie die Regeln des wirtschaftlichen zusammenlebens zu ihren Gunsten, Regierungen vor sich hertreibend. In einem fairen Wettbewerb wird derjenige mit Erfolg belohnt, der das Verhältnis Chance/Risiko korrekt abwägt und dementsprechend entscheidet. In einem Wirtschaftsumfeld mit fairem Wettbewerb wird selten Casino gespielt, weil notorische Zocker irgendwann verlieren, und man sie pleite gehen lässt.

PIIGS – Sauerei
Dieses schweinische Akronym macht mich wütend, insbesondere wenn ich an Griechenland und Irland denke. Griechenland ist Opfer von Predatory Lending geworden, mit Hilfe korrupter und inkompetenter Beamter und einer umtriebigen Bank, die im angesächsischen Raum als „Vampirkrake“ bezeichnet wird. Die Iren haben entschieden, für faule Kredite von Banken geradezustehen – anstatt „selber schuld“ zu sagen. Und nun wurde das Label „Sau“ in das kollektive Hirn eingebrannt. Egal, wie man zum eigentlichen Sachverhalt steht, jeder denkt unweigerlich an Schweine, wenn er sich mit den „Periferiestaaten“ befasst. Die Urheber dieses Desasters bleiben anonym.
Das ist die eigentliche Sauerei.

Sind wir das Volk?
In einer Demokratie entscheidet das Volk,
– ob es die Schulden ihrer Bank übernimmt
– ob es sich den Euro noch leisten kann oder ob es die Drachme vorzieht
– ob es künftig für den ESM arbeitet oder lieber selbst über seinen Haushalt bestimmt
Keines der Völker wurde gefragt, wie es mit der Krise umgehen wolle. Egal ob Nord- oer Südländer, alle wurden sie übervorteilt. Sind die Sachverhalte zu kompliziert, um das „einfache Volk“ entscheiden zu lassen? Ich denke, sie werden kompliziert gemacht.

Gib uns dein Geld, deine Freiheit, deine Stimme..sonst
..passiert etwas ganz, ganz schlimmes. Was ist so furchterregend schlimm? Nun, das zweitschlimmste, was Europa bevorsteht, ist eine Depression, und alle sind arm, für sehr lange zeit, grob gesagt.  Das schlimmste jedoch ist eine Depression, fast alle sind arm, und eine Minderheit von 1% hat die gesamte Macht an sich gerissen. Wir sind arm und machtlos. Adding insult to injury.

Schwedische Gardinen in den Vorstandsetagen
Wie würden Sie entscheiden, wenn Sie wüssten, dass die Titanic, auf der sie sitzen, unweigerlich sinkt? Würden Sie weiterhin Tee und Gebäck an die Passagiere der ersten Klasse servieren? Würden Sie kuschelige Rettungsboote für diejenigen bereitstellen, die die Fahrt gegen den Eisberg zu verantworten haben? Was halten Sie wirklich von „Bankenrekapitalisierung“ und Bonusgehältern? Ich finde die Idee einer Bankenverstaatlichung nach schwedischem Modell verlockend.
Und à propos Schweden, ich plädiere für schwedische Gardinen in den Vorstandsetagen.

Die eigentliche Umverteilung


Welche Transferunion?

Transferunion – mit diesem Wort verbindet man üblicherweise das Subventionieren armer Regionen durch reiche Regionen. Bayern finanziert das Saarland. Deutschland finanziert Griechenland. In der Tat schmerz es in Zeiten klammer Kassen, wenn man für eine Staatsoper in Saarbrücken oder Frühpensionen im sonnigen Griechenland geradestehen soll.Der Vermögenstransfer, der mich allerdings weit mehr juckt, ist der Transfer von millionen Kleinsparern zugunsten einer kleinen, aber umtriebigen internationalen Elite.
Ponzi-Scheme                                                                                                                                                                                                                                   Mit dem Geld von Pensionskassen, Versicherungen etc wurden lächerlich große Herrenhäuser an arme Schlucker verkauft. Irrsinnige Kredite wurden and arme Staaten vergeben, die ebensowenig eine Chance hatten, sie je zu tilgen, wie die armen Schlucker in den Herrnhäusern.
Als diese Tagelöhner oder die Staaten erwartungsgemäß zahlungsunfähig wurden, brach das Kartenhaus zusammen. Ergebnis: Die armen Schlucker leben in Zelten, die Herrenhäuser stehen leer, und in Griechenland herrscht Chaos. Das Geld ist futsch.
Die Architekten dieses globalen Hütchenspiels haben derweil gut verdient, und können weiterhin durch riskante Wetten – meist Wetten gegen uns – verdienen.

Ihr Geld wurde ins Klo gespült – get over it!
Lassen Sie mich ein hässliches Bild skizzieren. Stellen Sie sich vor, sie vertrauen Ihr sauer verdientes einem Profi. Dieser Profi spült es in ein gigantisches Gemeinschaftklo, und verlangt dafür auch noch Kommission. Sie sind pleite, der Profi behauptet, er sei auch pleite und verlangt Ihre Unterstützung. Weil sie selbst pleite sind, müssen Sie Ihre zukünftigen Ersparnisse dem Profi zur Verfügung stellen. Sie, Ihre Kinder und Enkel arbeiten in Zukunft für die Profis, die Sie über den Tisch gezogen haben. Hässlich, nicht wahr?
Globales Kapital wurde vernichtet. Das ist in der Geschichte nichts neues. Kriege, Seuchen und Naturkatastrophen hatten in der Vergangenheit regelmäßig für Wertvernichtung gesorgt. Danach waren alle arm, und man musste neu aufbauen.
Hier wurde auch Kapital vernichtet. Im Unterschied zur Vergangenheit wird so getan, als existierte das Geld noch, man müsse nur die Banken unterstützen, um schlimmeres zu verhüten. Damit wird Zeit herausgeschunden, Zeit, die unsere Profis dazu nutzen, sich noch weiter zu bereichern und ganz nebenbei unsere Demokratien zu zerstören.

Transferunion: Double your IQ or no money back
Ihr Geld, Ihre Rente, Ihr Stimmrecht wurde einer Elite übertragen. Sie spüren, dass etwas nicht stimmt (no money back?), Sie wissen nicht, auf wen sie wütend sein sollen. Die Griechen? Die Saarländer? Vielleicht die Chinesen? Alles ist leichter, als die aktuellen Besitz- und Machtverhältnisse infrage zu stellen.
Die Antworten könnten unbequem sein.

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