wildezeiten

Über die neue Umverteilung

Archiv für den Monat “November, 2011”

Chronik eines Zusammenbruchs


Jemand, der die Zeit vom November 2001 bis November 2011 verschlafen hätte, würde heute aus dem Staunen nicht mehr herauskommen.
November 2001: Der Euro wurde gerade eingeführt und wird prompt Teuro umbenannt. Dreimonats-Euribor bei 3,66%. Gold bei 310 Euro.
Spanier erleben einen höheren Wohlstand als deutsche. Man klagt über Arbeitslosigkeit und Staatsverschuldung in Deutschand, aber niemand in Europa muss sich ernsthaft Sorgen manchen.
November 2011: Dreimonats-Euribor bei 1,46%, Gold über 1.200 Euro. Griechenland ist pleite. Spanien ist pleite. Irland ist pleite. Frankreich wird ihr AAA-Rating verlieren. Investoren zieren sich bei der Bundauktion.  Ach ja – die USA ist pleite – eigentlich.
Alle mahnen zum sparen. Ökonomen, aber vorallem Interessensgruppen wie die Deutsche Bank, beschwören Merkel und Weidmanm, die Notenpresse endlich anzufeuern.

Als Rosskur gegen den Schuldenberg wird Pleitestaaten und (noch) soliden Staaten die Aufgabe ihrer Souveränität verschrieben. Demokratische Legitimierung, beispielsweise in Form eines Referendums wird gar als Verrat verschrien. Einfach nicht praktikabel – der Bürger hat keine Ahnung. Demokratie in Krisenzeiten galt in der Vergangenheit oft als Behinderung.

Und in der Tat hat der Bürger keine Ahnung, was wirklich geschieht. Weltweit. Genau das war auch die Idee. Hauptattraktion von Finanzderivaten ist ihre Intransparenz. Kombiniert mit Bilanzregeln wurde ein Geflecht an Verbindlichkeiten gesponnen, das niemand mehr durchschaut. Eine Art Hütchenspiel für Global Player.

Ziel dieses Blogs ist es, zu diskutieren, was wirklich geschehen ist, und warum es für uns alle relevant ist. Warum der deutsche Gehaltsempfänger oder Sparer mehr mit dem griechischen gemein hat als mit einem Spitzenbanker. Warum 40% Arbeitslosikeit in Spanien, Stillstand in China oder Armut in den USA auch uns betrifft. Was die amerikanische  Occupy Bewegung und die Tea Party gemeinsam haben und was sie trennt – aber noch wichtiger, warum wir unsere eigene Debatte brauchen.

Warum es wichtig ist, die wahren Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen, anstatt sie zu unseren Beratern zu küren.

Der Autor dieses Blogs ist kein Feind des Kapitalismus oder des Bankwesens, ganz im Gegenteil. Der Autor fand Derivate faszinierend. Die Art, wie sie verwendet wurden, ist eine Katastrophe. Was wir heute Kapitalismus nennen, ist in Wahrheit Kapitalismus für die Kleinen und Sozialismus für diejenigen, die sich politischen Einfluss kaufen können.

Von den USA über Europa bishin zu China steuern wir auf eine Depression zu. In der Vergangenheit wurde der Ruf nach einem großen Resetknopf wach, fast immer in Form eines Krieges. Der dummen Bevölkerung wurde vorgegaukelt, dass die Menschen jenseits der Landesgrenze irgendwie anders und überhaupt an allem schuld seien.  Dann kam das große Gemetzel, und danach wurde neu aufgebaut. Die Eliten mussten nie bezahlen – im Gegenteil: Sie wurden immer reicher.

Eine andere „Lösung“ war die Revolution, die dann in einer Diktatur und viel  Krieg und Gemetzel endete. Und eine andere Elite bereicherte sich.
Plus ça change, plus c’est la même chose.

Auch heute stehen die Zeichen auf Krieg. Iran. Syrien. China.
Und die anderen sind wieder schuld. Der unvernünftige Grieche, der sich weigert, für die kommenden Jahrzehnte exklusiv für die Banken zu schuften. Der sture deutsche,  der einer Hyperinflation einfach nichts gutes abgewinnen kann.

Grübelnd krame ich meine alten Geschichtsbücher heraus. Kommt mir irgendwie bekannt vor. Was war das noch – ach ja:

Der erste Weltkrieg.

Allerdings gibt es vielleicht einen entscheidenden Unterschied: Mein Uropa hatte kein Internet, und besonders gebildet war er auch nicht. Mein deutscher Urgroßvater und mein französischer hatten keine Möglichkeit, sich darüber auszutauschen, wie sie beide über den Tisch gezogen wurden.

Ich kann mir Fakten, Perspektiven und Meinungen aus aller Welt beschaffen, notfalls mit Babelfisch übersetzt. Ich kann mich jenseits nationaler Grenzen mitteilen.

Das bedeutet aber auch, dass ich mitverantwortlich für das bin, was heute geschieht.

Wortlos zulassen ist tun.

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